telehorasis (im)peritus – Der Schrecken weicht mit der Erfahrung
Freitag, 7. Oktober 2005

Wie die Entzauberung der Medien übersehen wird

Vor einiger Zeit überlegte sich der Vatikan für Begriffe, die es zu Zeiten der Römer noch nicht gab, lateinische Entsprechungen. Aus „Pizza“ wurde placenta compressa, aus dem „Minirock“ die tunicula minima und aus dem „Fernseher“ telehorasis, so dass man unsere Überschrift etwas frei mit „fernseh-(un)erfahren“ übersetzen könnte.

Über Fernseherfahrungen und Fernsehgefahren ist viel geschrieben und geforscht worden, aber an dieser Stelle soll es nicht um statistische Kenngrößen, sondern um einen vergessenen Aspekt der Diskussion gehen: Medienerfahrungen unterliegen zu einem hohen Grad biographischen Einflüssen,die es zumindest außerordentlich erschweren, ganz allgemein über Medieneffekte zu reden. Ein sehr schönes Beispiel hierfür bietet hier das jüngst erschienene Buch „Vorsicht Bildschirm“ (2005) des Ulmer Neurowissenschaftlers Manfred Spitzer. Einmal abgesehen von den inhaltlichen Fehlern ...

... der Schlussfolgerungen, die durch die permanente Verwechslung von Korrelation und Kausalität entstehen, liegen gleich düsterer Schatten über allen Kapiteln die die (Medien-)Ängste und Erfahrungsinterpretationen des Autors. Er selbst nimmt in diesem Buch seinen langjährigen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten zum Ausgangspunkt samt den Eindrücken aus dem dortigen Medienalltag. Ebenso erklärt er, dass er selbst kaum Fernsehsendungen anschaue. Es ist also sein Bild von seinen eigenen „Schrecknissen“, das er in diesem Buch einbringt.

Ähnlich geht es vielen Erwachsenen, die zusammenzucken, wenn sie sehen, was ihre Kinder sehen. Es sei nur an die heftige Diskussion der 70-er Jahre über Zeichentrickfilme („Rosaroter Panther“, „Roadrunner“) erinnert, bei der Eltern „brutale“ Gewaltdarstellungen konstatierten, während ihre Kinder mit einer Tüte Chips in aller Ruhe das Dargebotene verfolgten. Oder schauen Sie sich den Stummfilmklassiker „Nosferatu“ einmal auf DVD an. Er entstand 1921 und war damals ein rechter Gruselschocker. Heute hingegen werden Sie sich köstlich amüsieren und mit Sicherheit keine Gänsehaut bekommen.

Ha! mag es nun aus der Richtung jener hallen, die gar zu gerne dem Bildschirm diabolische Kräfte zuweisen mögen. Der heutige Medienkonsument sei inzwischen „abgestumpft“, „den Horror gewohnt“ oder was auch immer. Nun ja, daran ist natürlich ein wenig Wahrheit, denn in der Tat gewöhnt man sich an bestimmte Spielfolgen und die „Special Effects“ des nächsten James-Bond-Films müssen die früheren übertreffen. Aber das belegt in keiner Weise einen Abstumpfungseffekt für Realitäten. Bis heute lassen menschliches Leid, Katastrophen oder kriegerische Auseinandersetzungen den Menschen keine Ruhe, ja, im Vergleich zu vergangenen Jahrhunderten, die ganz ohne (elektronische) Medien auskamen, ist die Sensibilität für derartige Vorgänge sogar um ein Vielfaches gewachsen. Auch und gerade bei Kindern und Jugendlichen, wie jüngst die großen Friedensdemonstrationen während der Irakauseinandersetzungen zeigten.

Nein, Unterschiede in der Wirkung von Medienerfahrungen sind weitaus eher im Medienbewusstsein zu lokalisieren. Mit anderen Worten: Wie transparent sind für den Rezipienten die Vorgänge „hinter“ dem Mediengeschehen? Und hier muss man deutlich sehen, dass heutige Kinder und Jugendliche ein wesentlich größeres Medienwissen haben, zum Teil durch die Medien selbst. Gleich, ob die „Sendung mit der Maus“ erklärt, wie ein Trickfilm entsteht, in einer Jugendsendung sich jemand über die dauernde Reklame beschwert oder ganze Serien ausgestrahlt werden, die Stunts und Special-Effects in Zeitlupe zeigen – die Entzauberung der Medien hat schon lange begonnen.

Deutlich wurde das auch an der Beurteilung der Fernsehzuschauer von medialen Inszenierungen im Rahmen des Bundestagswahlkampfs vor einigen Wochen. Die „Liebesbezeugung“ des Bundeskanzlers während des Fernsehduells wurde als aufgesetzt erkannt, ebenso war niemand einige Tage später überrascht zu erfahren, dass Frau Merkel ihre schicksalsschweren Abschlussworte in diesem Duell von einer Reagen-Rede abgekupfert hatte.
Auf ganz wunderbare Weise hat der Animationsfilm „Die Monster-AG“ von Pixar/Disney vor einigen Jahren das Thema Furcht aufgegriffen. Die Angst der Kinder vor den Monstern und Ungeheuern der Nacht schwand in jenem Moment, in dem sie hinter die „Kulissen“ schauten. Dies ist auch der Weg, den die Medienpädagogik als den eigentlichen Weg sieht, mit Medien umzugehen. Nicht, die Angst durch irgendwelche höchst fragwürdigen Bezüge zu schüren. Vielmehr soll die Erhöhung der Medienkompetenz die Grundlage für einen mündigen Umgang liefern.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Natürlich beeinflussen die Medien nach wie vor die öffentliche Meinung, natürlich geschieht in mehr oder weniger subtiler Weise ständig mediale Manipulation. Aber das Auf- und Hineinwachsen in diesen Medienalltag hat eben auch den – oft übersehenen – Effekt, dass Manipulation schwerer ist und die innere Distanz zu gespielten „schaurigen“ Szenen bei Kindern und Jugendlichen deutlicher größer ist, als ein Erwachsener mit einer anderen Biographie und einem anderen Medienalltag das oft denkt. Wer sich also in die Erlebniswelt jüngerer Medienteilnehmer hinein versetzen will, wer Urteile und Beurteilungen über den Einfluss von Medien abgeben möchte, der darf diese Ungleichheit der Ebenen nicht vernachlässigen. Vor allem aber übersieht er sonst jenen Aspekt, den Wolf-Rüdiger Wagner in „Medienkompetenz revisited“ (2004) herausstellt: Dass Medien eben durchaus auch als „Werkzeuge der Weltaneignung“ – und ich würde mit einem Kunstwort ergänzen: der Weltdurchschauung - gesehen werden können.