Computer machen Schüler dumm. Tatsächlich?
Montag, 10. Oktober 2005

Vor zwei Tagen ging eine dpa-Meldung durch die Presse, die für viele Schlagzeilen sorgte: „Je mehr Computer, desto dümmer“ (SPIEGEL ONLINE), „Schlechte Noten für Computerspieler“ (sueddeutsche.de), „Computer können zu schlechteren Noten in der Schule führen“ (ZDFheute), „Zuviel Computer macht schlechte Schüler“ (Blick, Schweiz) usw. usw. Gemeint war eine Pressemitteilung des ifo-Institutes. In der kleinen Studie „Computer können das Lernen behindern“ wurden von Thomas Fuchs und Ludger Wößmann PISA-Daten nochmals durchgesehen und in anderen Zusammenhängen analysiert.
Das ist erstens ein normaler und guter Vorgang und zweitens kam dabei gar nichts Spektakuläres heraus – jedenfalls nicht das, was die Zeitungsüberschriften vermuten lassen. Denn im Grunde hatten die beiden Forscher nur bestimmte OECD-Interpretationen unter die Lupe genommen, die von einer ausgesprochen positiven Wirkung von Computern auf Lerneffekte ausgingen. Bei der Skundäranalyse bezog nun das ifo-Institut ... 

… Variablen wie z. B. „soziales Milieu“ mit ein und dadurch relativierten sich die Effekte, die ursprünglich hauptsächlich der Computerausstattung zugeschrieben worden waren. Dass man bei einer solchen nachträglichen Analyse zu Hilfskonstrukten greifen muss, ist gängig, darf aber auch nicht unerwähnt bleiben. In diesem Fall wurde z. B., um den familiären Bildungsstatus einzuschätzen, die Anzahl (nicht der Inhalt) der Bücher in einem Haushalt als Indikator genommen.

So sind die Resultate der Studie weder neu noch überraschend. Dass Faktoren wie soziale Umgebung oder Förderung durch das Elternhaus wichtiger für Lernerfolge sind als ein technisches Gerät – wer hätte je etwas anderes behauptet? Dass das bloße Lernen einer Textverarbeitung in der Schule (wie „Word“) keine besseren Berufsperspektiven gibt – das lag auch schon zuvor auf der Hand. Dass in den Schulen, aus ganz unterschiedlichen Gründen, die Computerausstattung nicht effizient eingesetzt wird – welcher Praktiker wäre da anderer Meinung? Und dass andere Lehr-/Lernmethoden wie z. B. fächerübergreifender Unterricht (allerdings nicht der in der Studie erwähnte Frontalunterricht) stärke Lerneffekte für den Schüler bringen kann, als ein Vokabeltrainer – auch das ist einleuchtend. ...


Auch dass, und hierauf berufen sich ja noch andere Studien (Pfeiffer, Hannover), ein 15-jähriger (es wurden Schüler der Klasse 9 untersucht) am Computer in seinem Kinderzimmer eher sich dem Spielen widmet, statt vor einem „pädagogisch wertvollen“ Programm zu sitzen – wen wundert das? Auch ich habe damals lieber Micky Maus gelesen als zu einem Geschichtsbuch zu greifen.
Dennoch ist die Analyse von Fuchs und Wößmann interessant und gut gemacht. Aber das, was die Presse, die ja die öffentlichen Meinungen prägt, daraus macht, ist eher betrüblich. Man wird auch den Verdacht nicht los, dass Journalisten nicht wirklich gerne recherchieren, weil die Materie nicht zu ihrem Fach gehört. Und weil sie eben auch – mit Verlaub – ganz gerne ihren Lesern nach dem Mund reden:
„Das Ergebnis dürfte vielen Pädagogen und Eltern Seufzer der Erleichterung entlocken - bei ihnen sind multimediale Lernmittel nicht gerade beliebt: Lehrer sehen Computer & Co. gerne als komplizierte Zeitvernichter, etliche Eltern halten ihre Kinder für medial überfüttert und fordern ebenfalls eine Rückbesinnung auf Tafel, Kreide und Bücher.“ (SPIEGEL ONLINE)
Rückbesinnung auf Tafel und Kreide? Naa jaa … Auf Bücher und das Lesen? Gerne! Vor allem auf das aufmerksame Lesen von Berichten, meine Damen und Herren von der Presse! :-)
Übrigens, dass es auch anders geht, sachlich korrekter und ohne reißerische Überschrift, zeigt ein Blick in die Berichterstattung in der Schweizer Presse (Beispiel: St. Galler Tagblatt).