ACM Programming Contest World Finals 1997

San Jose, California

Donnerstag, 27. Februar 1997

Heute waren wir beim Daimler-Benz-Forschungszentrum in Palo Alto eingeladen. Dort wurde uns "Web TV" präsentiert, ein einfach zu installierendes Zusatzgerät für den Fernseher, der damit ans Internet angeschlossen wird. Außerdem bekamen wir einen Prototyp des Autos der Zukunft zu sehen: ein Mercedes SL mit Satellitennavigation, Internet-Anschluß und Monitoren in den Kopfstützen der Vordersitze, damit Passagiere auf dem Rücksitz z.B. während der Fahrt E-Mails empfangen und versenden können.

Samstag, 1. März 1997

Zuerstmal wurden wir mit Geschenken überschüttet. T-Shirts, Buttons, Mousepads, Microsoft-Bälle, Windows NT, Visual C++,..., wie an Weihnachten. Dann fand die am Tag vor dem Wettbewerb übliche Practice Session statt, bei der sich die Teilnehmer an den Rechner und an den Ablauf des Contests gewöhnen können.

Im Anschluß an die Practice Session gab es dieses Jahr die Microsoft Visual Challenge, einen Java Programmierwettbewerb, der zwar nichts mit dem eigentlichen Wettbewerb zu tun hatte, bei dem es aber auch schon kleinere Preise zu gewinnen gab (Bücher, Computerspiele, etc.).

Sonntag, 2. März 1997

Convention Center, San José, 9:55 Uhr

5 Minuten bis zum Start. Mein Blick schweift über die Namensschilder der Universitäten, gegen die wir heute antreten werden: Harvard, Stanford, MIT, Caltech, Princeton, Waterloo,..., jede Uni die Nummer 1 oder 2 in ihrer Region.
Insgesamt hatten sich 50 Teams zur WM qualifiziert - 29 aus Nordamerika (28 x USA, 1 x Kanada), 11 aus Europa (3 x West-, 8 x Osteuropa), 6 aus Asien, 2 aus Australien und 2 aus Südamerika.

Ich blicke zum Ende der Halle, wo auf einem Podest der Weltpokal ausgestellt ist, um den es heute geht. In den Pokal sind die Namen der 20 Universitäten eingraviert, die ihn seit 1977 gewonnen haben. Welche Uni wird wohl die nächste sein?

Auf dem Tisch neben uns sind die 30 kg Material aufgebaut, die wir zum Contest mitgebracht haben: Ordner, Bücher, Listings, Schreibzeug, sogar ein Kartenspiel und ein Reiseschach. Letzteres nicht etwa für den Fall, daß wir mit allen Problemen vorzeitig fertig werden, sondern um bei entsprechenden Problemen den Algorithmus simulieren zu können.

"10 seconds to start..."

Ich greife mir das Couvert mit dem Problem Set, Gerhard legt schon die Finger auf die Tastatur, Falk greift sich Kugelschreiber und Papier.

5...4...3...2...1...ACTION!

Ritsch ratsch, Couvert auf, Problem Set raus - 50 mal synchron.
Die nächsten zehn Minuten herrscht Stille in der Halle. Kein Laut ist zu hören, während die Teams mit dem Durchlesen der Aufgaben beschäftigt sind. "The most deafening silence I ever experienced.", wie einer der Zuschauer später meinte.
Dann setzt langsam das Rascheln von Papier und Klicken der Tasten ein. Bei den meisten Teams setzt sich eine(r) an den Rechner und fängt schon mal mit der leichtesten Aufgabe an, während die anderen zwei noch eine kurze Strategiebesprechung abhalten. Wer übernimmt welche Aufgabe? Welche Aufgaben läßt man von vornherein weg? (Alle acht in fünf Stunden zu schaffen, ist praktisch unmöglich.) Und für welche Aufgaben ist Teamwork notwendig, welche schafft einer allein?

Immer wenn ein Team ein Problem löst, wird am Rechner des Teams ein Luftballon befestigt. So kann man mit einem Blick über die Halle schnell sehen, wie man im Vergleich zu den anderen gerade dasteht.
In einer Ecke ist ein Buffet aufgebaut, nur scheint niemand Zeit zu haben, dort hinzugehen. Nur ab und zu sieht man, wie jemand aufspringt, zum Buffet sprintet, drei Getränkedosen und ein paar Schokoriegel schnappt und zu seinem Platz zurückrennt.
Denn als Teilnehmer verrinnt die Zeit schnell. Es gibt keine Sekunde zu verlieren - am Ende könnte sie den Sieg kosten.

Unser Start war ziemlich schlecht. Wir hatten immer noch kein Problem gelöst, als manche andere Teams schon drei Lösungen hatten. Die zweite Hälfte des Wettbewerbs lief jedoch gut, so daß wir den Contest mit fünf gelösten Aufgaben beendeten. Das sechste Programm hatten wir zwar auch schon fertig, nur steckte leider noch ein Bug drin, den wir in den letzten Minuten nicht mehr finden konnten.

Sechs Teams hatten sechs Aufgaben gelöst, acht weitere hatten fünf wie wir. Zwölf Teams hatten vier Lösungen (darunter unter anderem Harvard, Stanford und Caltech), 23 Teams hatten drei oder weniger.

Wir liegen zwischen Platz 7 und 15, soviel wußten wir sofort nach Ende des Wettbewerbs.

Fairmont Hotel, Imperial Ballroom, 21:00 Uhr: ACM Awards Banquet

Beim jährlichen ACM Awards Banquet werden eine Reihe bedeutender Auszeichnungen verliehen - beste Diplomarbeit, beste Dissertation, Programm des Jahres und natürlich der berühmte Turing-Preis.
Die Atmosphäre war in etwa vergleichbar mit einer Oskar-Verleihung in Hollywood. Krönender Abschluß des Abends war schließlich die Siegerehrung des ACM Programming Contests.
Wir selbst landeten auf Platz 11 (viertbestes europäisches Team). Als Sieger ging das Team vom Harvey Mudd College, einer kleinen privaten Universität bei San Diego, hervor.

Zum Teil zufrieden (viele Eliteuniversitäten waren schlechter als wir) und zum Teil enttäuscht (es wäre noch mehr drin gewesen) verbrachten wir den restlichen Abend mit den anderen Teams auf der Microsoft Brain Meltdown Party. Mit vielen Teams tauschten wir E-Mail-Adressen aus, um weiterhin in Kontakt bleiben zu können.

Montag, 3. März 1997

Bevor wir zu unserer jetzt anstehenden dreiwöchigen Tour durch den amerikanischen Südwesten aufbrachen, schauten wir heute noch bei der ACM World Expo "The next 50 years of computing" vorbei.
Zentrales Thema war: Wie wird die Computertechnik in 50 Jahren aussehen? Zum Beispiel demonstrierte die Firma Biocontrol, wie man PCs durch Muskelkontraktionen steuern kann und wie sich auf diese Weise Doom spielen läßt: Gegner werden lebensecht mit geballter Faust niedergeschlagen anstatt durch abstrakte Bewegungen von Joystick oder Maus.
An einem anderen Stand konnte man ein Gerät ausprobieren, das Bilder direkt auf die Netzhaut projiziert. So konnte man sich nach Terminator-Art Untertitel direkt ins vom Auge wahrgenommene Bild einblenden lassen.

Dienstag, 4. März 1997

Good bye, San José. Es erwarteten uns noch drei weitere Wochen in den USA, deren Beschreibung den Umfang dieses Berichts sprengen würden. Deshalb nur eine Auswahl der Sportarten, mit denen wir uns die Zeit vertrieben haben: Swimming, Jogging, Rollerblading, Sunbathing, Grand Canyon Climbing, Relaxing, Powerboat Driving, Black Jack Playing, Daydreaming, Coke Drinking, Death Valley Crossing, Beachvolleyball Playing, Rollercoaster Driving.

Nächstes Jahr ist die WM übrigens in Atlanta, vier Stunden von Florida entfernt. Wer seine Spring Break lieber dort als in Ulm verbringen möchte, muss sich beim universitätsinternen Programmierwettbewerb am 4. Juli unter den ersten acht plazieren.
Diese acht werden nämlich die Uni Ulm dann am 23. November beim nächsten Southwestern European Programming Contest vertreten. Und da es die anderen Unis hier in der Gegend nicht mit uns aufnehmen können, werden wir so wie letztes Jahr und vorletztes Jahr auch dieses Jahr wieder beim Finale dabei sein. Oder?

Weitere allgemeine Informationen zum Contest sind auf dem Internet erhältlich unter http://www.acm.org/contest/.


Mark Dettinger
E-Mail: dettinger@acm.org